Pestizide und Fungizide in Nahrungsmitteln

Wie gefährlich sind Chlorpyrifos, Acetamiprid & Co. wirklich?

Ein Apfel, eine Handvoll Erdbeeren, ein Bund Sellerie – so unschuldig diese Lebensmittel aussehen, so unterschiedlich ist ihre Geschichte, bevor sie im Supermarktregal landen. Auf dem Weg dorthin kommen viele von ihnen mit einer ganzen Reihe von Pflanzenschutzmitteln in Kontakt: Insektizide gegen Fraßfeinde, Fungizide gegen Pilzbefall, teils auch Wachstumsregulatoren. Die meisten dieser Stoffe sind in der EU streng reguliert und bewegen sich, so die offizielle Datenlage, in unbedenklichen Bereichen. Doch es gibt eine kleine Gruppe besonders umstrittener Wirkstoffe, bei denen Wissenschaft und Regulierung seit Jahren im Clinch liegen – allen voran das Organophosphat Chlorpyrifos und die Wirkstoffgruppe der Neonikotinoide, zu der auch das derzeit noch zugelassene Acetamiprid zählt. Was steckt hinter diesen Namen, welche Lebensmittel sind laut Monitoring-Daten besonders häufig betroffen, und was lässt sich im Alltag tatsächlich sinnvoll tun?

Chlorpyrifos, Acetamiprid und Co.: Warum gerade diese Wirkstoffe so umstritten sind

Chlorpyrifos gehört zur Gruppe der Organophosphate – chemisch eng verwandt mit den Nervenkampfstoffen des 20. Jahrhunderts, wenn auch in deutlich geringerer Wirkstärke. Es hemmt ein Enzym namens Acetylcholinesterase, das normalerweise dafür sorgt, dass Signale zwischen Nervenzellen wieder abgeschaltet werden. Fällt dieser „Aus-Schalter“ aus, feuern die Nervenzellen ununterbrochen weiter – bei Insekten führt das zum Tod, beim Menschen in hohen Dosen zu einer akuten Vergiftung. Beunruhigender als die akute Wirkung ist jedoch, was Forschende bei chronischer Niedrigdosis-Exposition insbesondere bei Ungeborenen und Kleinkindern beobachtet haben. Eine vielzitierte Langzeitstudie der Columbia University um die Forscherin Virginia Rauh verfolgte Kinder, die im Mutterleib unterschiedlich stark Chlorpyrifos ausgesetzt waren, bis ins Schulalter und fand bei den stärker belasteten Kindern messbar niedrigere IQ-Werte, Gedächtnisdefizite sowie strukturelle Veränderungen bestimmter Hirnareale. Auf Basis dieser und weiterer Studien kam die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2019 zu dem Schluss, dass für Chlorpyrifos keine sichere Aufnahmemenge festgelegt werden könne – die Zulassung wurde daraufhin EU-weit nicht verlängert und der Wirkstoff ist seit dem Frühjahr 2020 in der gesamten Europäischen Union verboten. Rückstände lassen sich seither vor allem noch auf importierten Zitrusfrüchten aus Nicht-EU-Ländern nachweisen, wo strengere Verbote (noch) nicht gelten.

Bei den Neonikotinoiden liegt der Fall etwas anders. Diese Wirkstoffgruppe wirkt ebenfalls auf das Nervensystem, allerdings über einen anderen Rezeptortyp (den nikotinischen Acetylcholin-Rezeptor), und ist vor allem für ihre Rolle beim weltweiten Bienensterben bekannt geworden. Drei der bekanntesten Vertreter – Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam – wurden deshalb 2018 EU-weit für den Freilandeinsatz verboten, ein vierter, Thiacloprid, folgte 2020. Übrig geblieben ist als einziger noch zugelassener Neonikotinoid-Wirkstoff in der EU das Acetamiprid, dessen Zulassung derzeit formal bis Februar 2033 läuft. Genau hier zeigt sich exemplarisch, wie unterschiedlich Risikobewertung und politische Realität auseinanderfallen können: Frankreich verbot Acetamiprid bereits 2018 im Alleingang, während der Rest der EU den Stoff weiter nutzte. Als eine Gruppe französischer Senatoren um Laurent Duplomb 2025 versuchte, das nationale Verbot für Zuckerrüben-, Apfel-, Haselnuss- und Kirschanbau wieder zu lockern, unterzeichneten über zwei Millionen Menschen eine Petition dagegen – ein Rekord in der französischen Geschichte. Das französische Verfassungsgericht kippte die geplante pauschale Ausnahme im August 2025 mit Verweis auf die in der Verfassung verankerte Umweltcharta; seither wird in Frankreich über enger gefasste, befristete Ausnahmeregelungen weiterverhandelt. Parallel dazu hat auch die EFSA selbst reagiert: 2024 senkte sie die als unbedenklich geltende tägliche Aufnahmemenge für Acetamiprid um das Fünffache, von 0,025 auf 0,005 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, und die EU-Kommission verschärfte im Januar 2025 zahlreiche Rückstandshöchstgehalte entsprechend. Aktuell läuft zudem eine vertiefte EFSA-Neubewertung, die gezielt mögliche entwicklungsneurotoxische und hormonelle Effekte des Wirkstoffs untersucht; die dafür angeforderten Studien sollen bis März 2026 vorliegen.

Auch bei den Fungiziden gibt es Wirkstoffe mit vergleichbar unrühmlicher Geschichte. Chlorothalonil etwa, jahrzehntelang eines der meistverwendeten Fungizide gegen Pilzbefall in Europa, wurde 2019 nicht mehr verlängert, nachdem die EFSA es als wahrscheinlich krebserregend einstufte und zudem Bedenken hinsichtlich einer Grundwasserbelastung durch seine Abbauprodukte äußerte. Mancozeb, ein weiteres weitverbreitetes Fungizid, verlor seine EU-Zulassung 2020 wegen des Verdachts auf hormonelle und entwicklungsschädigende Wirkungen. Beide Beispiele zeigen ein wiederkehrendes Muster: Ein Wirkstoff wird über Jahrzehnte breit eingesetzt, bevor unabhängige Langzeitstudien ein Risikoprofil aufdecken, das die ursprüngliche Zulassung nicht vorhergesehen hatte.

Welche Lebensmittel sind laut Monitoring-Daten besonders häufig betroffen?

Die gute Nachricht zuerst: Laut aktuellstem EFSA-Bericht liegen fast 99 Prozent der europaweit untersuchten Proben innerhalb der gesetzlich zulässigen Höchstwerte, und in gut 43 Prozent der Fälle finden sich überhaupt keine messbaren Rückstände. Das bedeutet aber nicht, dass alle Lebensmittelgruppen gleich sauber sind. Eine umfangreiche Auswertung des Pestizid-Aktions-Netzwerks Europe (PAN Europe) von fast 100.000 amtlichen Proben aus dem EU-Monitoring zeigte ein deutliches Muster: Bei Obst führten Brombeeren die Liste mit Rückstandsfunden in gut der Hälfte aller Proben an, gefolgt von Pfirsichen, Erdbeeren, Kirschen und Aprikosen – allesamt Steinobst- beziehungsweise Beerenfrüchte mit dünner, empfindlicher Schale, die besonders anfällig für Schädlings- und Pilzbefall sind und deshalb intensiver behandelt werden. Bei Gemüse fielen vor allem Sellerie und Grünkohl durch überdurchschnittlich häufige Rückstandsfunde auf.

Ein Aspekt, der in der offiziellen Berichterstattung leicht untergeht, aber wissenschaftlich hoch relevant ist, sind sogenannte Mehrfachrückstände: In deutschen Untersuchungsämtern wiesen zuletzt rund 80 Prozent der untersuchten Gemüseproben nicht nur einen, sondern mehrere verschiedene Pestizidwirkstoffe gleichzeitig auf – im Schnitt fünf pro Probe bei Wurzelgemüse. Einzeln betrachtet liegt jeder dieser Wirkstoffe meist deutlich unterhalb seines jeweiligen Grenzwerts. Wie sich mehrere gleichzeitig wirkende Substanzen im menschlichen Körper tatsächlich gegenseitig verstärken oder abschwächen können, der sogenannte Cocktail-Effekt, wird von den bestehenden Grenzwertsystemen bislang nur unzureichend erfasst, da diese in der Regel für Einzelstoffe kalkuliert sind. Genau das ist einer der Hauptkritikpunkte von Umwelt- und Verbraucherorganisationen an der aktuellen Risikobewertungspraxis.

Ein klarer, gut belegter Unterschied zeigt sich beim Vergleich von konventioneller und ökologischer Erzeugung: Untersuchungen etwa des baden-württembergischen Ökomonitorings fanden bei Bio-Obst und -Gemüse im Schnitt eine rund 200-fach niedrigere Pestizidbelastung als bei konventioneller Ware, wobei bei drei Vierteln der Bio-Proben überhaupt keine Rückstände nachweisbar waren. Vereinzelte Spuren in Bio-Produkten stammen dabei in der Regel nicht von eigener Anwendung, sondern von unbeabsichtigter Abdrift aus benachbarten konventionellen Flächen.

Was hilft wirklich?

Wichtig für die Einordnung: Die überwiegende Mehrheit der in Europa verkauften Lebensmittel bewegt sich innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte, und diese Grenzwerte werden regelmäßig auf Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse nachjustiert, wie die Beispiele Chlorpyrifos und Acetamiprid zeigen. Wer sich dennoch bewusst schützen möchte, kann auf einige einfache, gut belegte Hebel zurückgreifen, statt komplett auf bestimmte Lebensmittelgruppen zu verzichten.

Gründliches Waschen unter warmem, fließendem Wasser reduziert nachweislich einen Teil der oberflächlichen Rückstände, auch wenn systemische, in die Frucht eingedrungene Wirkstoffe dadurch nicht vollständig entfernt werden können. Bei Obst und Gemüse mit dickerer, nicht mitgegessener Schale – etwa Zitrusfrüchten, Bananen, Mangos oder Kürbis – bietet Schälen einen zusätzlichen, wirksamen Schutz, da sich viele Rückstände vor allem in der Schale konzentrieren. Bei den oben genannten „Spitzenreitern“ wie Beeren, Steinobst, Sellerie oder Blattgemüse, die meist ungeschält verzehrt werden, lohnt sich am ehesten der gezielte Griff zu Bio-Ware, da hier der Belastungsunterschied zur konventionellen Variante besonders groß ausfällt. Wer zusätzlich auf Saisonalität und regionale Herkunft achtet, umgeht tendenziell auch Importware aus Ländern mit weniger strengen oder schlechter kontrollierten Zulassungsstandards, wie sie etwa historisch bei chlorpyrifosbelasteten Zitrusfrüchten außerhalb der EU eine Rolle spielten. Für Familien mit kleinen Kindern, bei denen entwicklungsneurotoxische Effekte besonders schwer wiegen, ist dieser vorsorgliche Ansatz – Bio bei den bekanntermaßen am stärksten belasteten Sorten, konventionell bei ohnehin gering belasteten Produkten wie Zwiebeln, Avocados oder Spargel – ein pragmatischer Mittelweg zwischen Risikominimierung und Alltagstauglichkeit.

Fazit

Die große Mehrheit der Lebensmittel in europäischen Supermarktregalen hält sich an geltende Grenzwerte, doch einzelne Wirkstoffe wie Chlorpyrifos oder aus der Gruppe der Neonikotinoide das Acetamiprid zeigen exemplarisch, wie lange umstrittene, potenziell entwicklungsschädigende Substanzen im Umlauf bleiben können, bevor Regulierung und wissenschaftlicher Erkenntnisstand tatsächlich zusammenfinden. Wer gezielt vorsorgen möchte, muss dafür nicht die gesamte Ernährung umstellen: Ein bewusster Griff zu Bio-Ware bei besonders häufig belasteten Produkten wie Beeren, Steinobst, Sellerie und Blattgemüse, kombiniert mit gründlichem Waschen, Schälen wo möglich und einem Blick auf Saisonalität, deckt bereits einen Großteil des sinnvoll erreichbaren Schutzes ab.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ernährungsmedizinische Beratung. Rückstandsdaten und Zulassungsstatus einzelner Wirkstoffe können sich durch neue EU-Regulierung fortlaufend ändern.

Pestizide und Fungizide in Nahrungsmitteln

Philipp Rädel

ist Diplom-Ökotrophologe und Ingenieur. Als Ernährungswissenschaftler verbindet er neueste Erkenntnisse der Trophologie und Ernährungsmedizin mit technischer Präzision, um komplexe Gesundheitsthemen rund um Nahrung und Genuss verständlich und lösungsorientiert aufzuarbeiten und zu präsentieren.

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